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Begegnungen während unseres Urlaubes in Norwegen

Begegnungen während unseres Urlaubes in Norwegen

23.10.2026 (letztes Update 18.10.2026)

Dieser Beitrag ist Teil 4 von 4 der Artikel-Serie "Gedanken"

Artikelserie "Gedanken"

  1. Herbst
  2. Zeit des Rückzugs ...
  3. Wintersonnenwende
  4. Begegnungen während unseres Urlaubes in Norwegen

Regenwetter mit anderen Augen sehen

Als wir dieses Jahr im August in Norwegen ankamen, regnete es. Das ist an sich nichts Bemerkenswertes. Andererseits hatte es in Deutschland mindestens 3 Monate zuvor nicht geregnet. Die Temperaturen zu Hause lagen über einen längeren Zeitraum bei knapp 40 Grad. Nachts fiel das Thermometer selten tiefer als 20 Grad. Bäume und Wiesen litten unter der Trockenheit, genau wie die Bäche und Flüsse. Sie schrumpften zu spärlichen Rinnsalen.
Wie groß die Sehnsucht nach Regen war, wurde uns erst bewusst, als es in Norwegen bei unserer Ankunft regnete. Wir atmeten durch und waren selbst überrascht, dass wir uns so sehr über die leuchtenden Farben der Wiesen und Wälder freuten, die die Feuchtigkeit hervorbrachte. Die Temperaturen lagen um die 20 Grad und wenn die Sonne herauskam, war es möglich, sie zu genießen, anstatt vor ihr in den Schatten zu flüchten.

Der Zauber des frühen Morgens

Morgens saß ich auf unserem überdachten Balkon, konnte mich nicht an der Landschaft stattsehen und lauschte, mit einer Tasse Kaffee in den Händen, der Stille.
Zugegebenermaßen, so geräuschlos war es gar nicht. Da waren die Vögel, die sich mit lautem Gezwitscher verfolgten und das Rauschen des Wassers vom nahegelegenen Bergbach. Es strömte und stürzte sich den Berg hinunter. Gurgelte über Steine und sandige Flächen, bis es sich in den Fjord ergoss, eins wurde mit den Weiten des Meeres.
Dunst lag manchmal in einer dicken Schicht auf dem Wasser oder es stiegen zarte Schleier daraus empor und verwandelten sich in Wolken, die anschwollen, bis sie zu schwer waren, um über die umliegenden Bergrücken zu steigen. Einzelne Regentropfen fielen in die unbekannte Tiefe zur Erde herab. Sie wussten nicht, wo sie landen, wie weit sie stürzen würden oder wo ihre Reise hinging. Sie flogen in aller Selbstverständlichkeit, voller Vertrauen, vereinten sich mit anderen Tropfen und begannen ihre Transformation von Neuem.

Sonnenaufgang am Fjord

Den ewigen Kreislauf zu beobachten, die Ruhe in der Natur, sie beruhigten von Anfang an mein Innerstes. Mein Gehirn bekam den Startschuss, alle Gedanken, die im Alltag keinen Platz hatten, zu betrachten. Ich nahm wahr, dass es sich um mehr als reine Reflexion handelte. Es war die Präsenz von etwas, das nur in der Stille laut zu werden vermag. Es drängte mit Macht an die Oberfläche und verlangte gehört zu werden. Ich lauschte und schrieb ...

Ein eigenwilliger Besuch und seine Wirkung

Knapp eine Woche nach unserer Ankunft baumelte sie dann abends an der Balkonüberdachung - ein kleines Bündel, das sich schwarz von der ockergelben Farbe abhob. Ich brauchte eine Weile, bis ich erkannte, dass da eine Fledermaus hing.
Urplötzlich überkam mich der Impuls, leise zu sein, sie nicht durch zu laute Geräusche zu stören oder gar zu verjagen. Gleichwohl haben diese Tiere ja ein sensibleres Gehör, als wir Menschen, sodass mein ‚geräuscharm‘ für sie längst ‚Lärm‘ bedeuten konnte.
Mit gedämpften Schritten schlich ich zurück ins Haus, um den Fotoapparat zu holen. Ohne Blitzlicht fotografierte ich das etwas gerupft aussehende Tierchen. Das Köpfchen, die hellere Brust, die umhüllenden Flügel sowie die großen Ohren waren auf den Bildern deutlich zu sehen.

Das Mäusle

Freude, dass dieses zartgliedrige Tier auf unserem Balkon gelandet war, zeichnete mir ein Lächeln ins Gesicht. Den ganzen Abend über schaute ich mehr oder minder regelmäßig nach, ob sie weiterhin dort hing, und sagte ihr gute Nacht, bevor ich schlafen ging.
Am darauffolgenden Morgen führte mein erster Weg gleich nach dem Aufstehen auf den Balkon. Sie lag reglos auf dem Boden und Trauer breitete sich in mir aus. Scheinbar war sie hergekommen, um zu sterben. In Gedanken um die Fledermaus versunken, kochte ich mir einen Kaffee und setzte mich wie jeden Morgen auf die Bank in ihrer Nähe. Ich überlegte, sie in die angrenzende Wiese zu legen oder sie zu vergraben. Aber ich brachte es nicht fertig und ließ sie letzten Endes erst einmal liegen.
Später war sie weg. Ich suchte den gesamten Balkon nach ihr ab. Letztlich fand ich sie kopfüber am Fuß des Stützbalkens hängen und ertappte mich dabei, wie groß meine Freude war, dass sie noch lebte.
An diesem Tag regnete es durchweg, einzig und allein die Intensität änderte sich. Aufkommender Wind peitschte den Regen ums Haus und ließ das Dach knarren. Es waren unangenehme 9 Grad und die Nässe kroch bis in unsere Knochen. Wir saßen im Trockenen und wärmten uns am Kaminfeuer, während das Mäusle draußen dem Wetter ausgesetzt war.
Der Wunsch, ihr etwas Gutes zu tun, wuchs bei jedem Kontrollgang. Womöglich war sie erkrankt oder schlicht nur erschöpft. Bilder, wie ich sie in ein Handtuch wickle und vorsichtig trockenreibe, das Fell glattstreiche und sie aufpäppele, standen vor meinem geistigen Auge. In echt ließ ich sie in Ruhe, weil ich zu wenig über diese Tiere wusste und bis heute weiß. Im Internet las ich, dass Fledermäuse nicht zuletzt Tollwut übertragen und man sich unbemerkt an ihren spitzen Zähnchen leicht infizieren könne. Es wurde empfohlen, auf jeden Fall geeignete Handschuhe zu tragen. Gleichermaßen solle man ihnen Wasser in Tröpfchen und ausgequetschte Insekten geben. Bei Regen Insekten finden – eine miserable Idee und ohne die passende Ausrüstung, traute ich mich zugegebenermaßen nicht, mehr für sie zu tun. Somit blieb es bei den Bildern in meinem Kopf.
Da es regnete und sie am Stützbalken auf die Wetterseite gegrabbelt war, ging ich davon aus, dass sie zumindest etwas zu Trinken bekam. Fast stündlich schaute ich nach ihr. Sie bewegte sich immer wieder und änderte ihre Position.
Am zweiten Morgen prüfte ich sofort, ob das Mäusle weiterhin da war und ob es ihr gutging. Und ja, da hing sie, immer noch kopfüber an der Außenseite des Balkens. Der Himmel zeigte sich wolkenverhangen und es nieselte leicht. Sie sah mittlerweile durchweicht aus, aber vermutlich brauchte sie die Feuchtigkeit – ich wusste es nicht.
Am Nachmittag des dritten Tages lag sie reglos, in ihre Flügel eingepackt, auf dem Boden. Ein kleines Bündel, das offenbar hergekommen war, um zu sterben. Bedrückt legten wir sie abends unter unseren Balkon ins Gras und ich trauerte um mein Mäusle.

Das äußere Sinnbild für innere Wandlung

Wenn mir ein solch intensives Tiererlebnis geschenkt wird, frage ich mich, was es mit mir zu tun haben könnte und als Erstes kamen mir Krafttiere in den Sinn. Aus diesem Grund gab ich im Internet die beiden Begriffe ein. Sofort tat sich eine ansprechende Seite mit einem handgemalten Bild von einer Fledermaus auf. Dort stand zu lesen: „Die Fledermaus flattert in dein Leben und bringt dir Loslassen, Vertrauen und Abschluss. Sie zeigt an, dass eine alte Phase endet und etwas Neues beginnt. Sie lehrt dich, sich auf deine Sinne zu verlassen, wenn Fakten fehlen.“
Na das passte ja zu meinen bisher gehegten Gedanken. Seit wir in Norwegen angekommen waren, beschlich mich immer wieder das Gefühl, dass irgendetwas im Begriff war, sich zu verändern. Etwas, das ich nicht im Stande war zu greifen. Es sich indessen in der Frühe formte. Ich bin mir sicher, dass in der Innenschau die wahre Entwicklung der Seele liegt. Sie war greifbar - ein Wassertropfen im ewigen Kreislauf.
Stetig drehten sich meine Gedanken um Vertrauen, inneres Wachstum und Veränderung. Das Neue in mir war längst da, wurde dessen ungeachtet vor unserem Urlaub vom äußeren Alltag überlagert. Es brauchte die Ruhe, um sichtbar und empfunden zu werden. In diesen Augenblicken, in denen ich den Wolken zuschaute, wie sie sich aus dem Fjord erhoben und sich formierten, das eigentümliche Licht und die Düfte um mich herum wahrnahm, fand ich zu mir zurück.
Mittlerweile begrüße ich die Stille, in der mein Hirn die Zeit bekommt, alle Gedanken zu denken, zu denen es im Alltag nicht kommt. Weil er laut ist und zu viel darin passiert, sodass die Essenz überlagert wird. Bei sich sein, Ruhe im Außen und kreativ schaffend im Inneren. Das ist Entwicklung - Transformation - Erkennen, wer man unter dem ganzen Schutt, welchen das Leben so anhäuft, geworden ist und schon immer war. Herz und Verstand im Einklang - so wünsche ich mir zu sein!
Es schien eine Entscheidung zu sein und ich ließ die alten Rollen los, um zukünftig in Übereinstimmung von Herz und Verstand mein Leben zu gestalten. Ob es mir im Alltag gelingt, kann ich nicht sagen, aber ich bin bereit, den Schritt zu wagen. Ich vertraue dem Prozess!

Was bewegt mich zur eigenen Entwicklung?

Gehört Mut dazu? Schon möglich. Auf jeden Fall braucht es das drängende Bedürfnis, sein Wesen zu erkennen. Eine Sehnsucht oder auch eine Vision zu haben, mehr zu sein, als ein funktionierender Organismus. Den Wunsch zu empfinden, sich zu entwickeln und sich im rechten Augenblick für diesen oder jenen Weg sicher und frei zu entscheiden. Und dazu bedarf es Ruhe und innere Einkehr, vor der ich mich - zugegebenermaßen - früher fürchtete. Meine Erfahrungen lehrten mich, die Angst zu überwinden, schenkt mir Schritt für Schritt mehr Freiheit und bringt mich näher an mein heiles Selbst.
Eine Zeichnung, die ich einmal gesehen habe, kommt mir in den Sinn. Sie zeigte einen Mann – so wie er dargestellt war, womöglich ein Gott – mit Hammer und Meißel, der sich selbst aus einem rohen Steinbrocken heraus meißelt. Das Bild begleitet mich schon eine lange Zeit und heute bin ich davon überzeugt, entweder ist es das Leben, das sich als Bildhauer betätigt, die eigene suchende Person oder beide als Team. Ich glaube, der Unterschied liegt in der Geschwindigkeit - das Ergebnis wird eines Tages das Gleiche sein.


Letzten Endes ist es traurig, dass das Mäusle bei uns auf dem Balkon gestorben ist. Trotz allem bin ich Ihr für die kurze Begleitung dankbar. Sie hat mir Gedankenanstöße und neue Sichtweisen geschenkt.
Offenbar war ihre Zeit abgelaufen und sie hätte überall sterben können. Aber sie hat sich unseren Balkon ausgesucht und so ergibt ihre Präsenz sowie ihr Tod wenigstens für mich einen Sinn, den ich im Herzen trage.

Zu guter Letzt möchte ich etwas teilen, das ich bereits 2011 geschrieben habe:

Ich bin wer ich war, ohne zu sein wer ich bin!

Ich bin wer ich bin, ohne im Einklang mit mir zu sein!

Denn ich werde gerade zu der Person, die ich sein will

und schon immer war!

Letzten Endes sind wir alle im Fluss.

Kennst du diese besonderen Momente? Schreib mir gerne deine Gedanken zu dem Artikel...

Kategorien: Gedanken | Schlagworte: Inspiration, Reise, Transformation, Urlaub, Wandel

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