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Den eigenen Takt finden - Wandern in den schottischen Highlands

Den eigenen Takt finden - Wandern in den schottischen Highlands

24.06.2026

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 2 der Artikel-Serie "Reisen"

Artikelserie "Reisen"

  1. Nordfjordeid - ein kleines Städtchen in Westnorwegen
  2. Den eigenen Takt finden - Wandern in den schottischen Highlands

Ein Weg zu innerer Ruhe

Im Nachhinein betrachtet verschmelzen die Tage des Wanderns ineinander. Im Gedächtnis bleiben die Momente, an denen ich an meine körperlichen Grenzen gegangen bin. Die Ausblicke in die überwältigende Landschaft. Das Aufsuchen des Findlings am Rande eines Berges sowie des Steinkreises in luftiger Höhe. Die ein oder andere Begegnung und die abendlichen Besuche im Pub, um etwas zu essen und sich für den Tag zu belohnen.

Callander, Schottland

Insgesamt bin ich in 6 Tagen rund 125 km auf dem Rob Roy Way in den schottischen Highlands gelaufen. Nie zuvor hatte ich eine Wanderreise unternommen. Einzig im Pfälzerwald, in Norwegen oder sogar in Schottland bin ich relativ kurze Strecken gewandert. Aber von einer Unterkunft über eine definierte Distanz zur nachfolgenden war etwas völlig Neues.

Ich habe einen Schritt nach dem, beziehungsweise einen Fuß vor den anderen gesetzt. Anfangs beflügelt und hastig, schon am zweiten Tag in einem gleichmäßigeren und am dritten in einem harmonischen Tempo. Spätestens als die Landschaft hügeliger und das Gelände steiler wurde, war dieser Takt das tragende Element, welcher es mir ermöglichte, weiterzugehen. Er kam aus meinem Inneren, genau wie der Stolz auf mich und meine Leistung. Das Glücksgefühl, etwas geschafft zu haben, was ich bisher aus Angst nie zu träumen wagte. Das schlichte Sein in der Natur, die Aufmerksamkeit bei mir, auf den Weg und die Umwelt gerichtet. Erlebnisse, die für sich gesehen klein, wogegen insgesamt betrachtet, grandios sind, haben mich verändert - etwas erneuert. Sie waren stellenweise schwierig und anstrengend, aber ich bin zu tiefst dankbar für diesen Weg, für die schrittweise Reflexion. Wo komme ich her? Wo stehe ich und wo gehe ich hin?

In mir ruhen, war die erste Veränderung, die ich wahrnahm. Ich brauche keine Bestätigung mehr von außen und habe aufgehört, mich mit fremden Leuten zu vergleichen oder sie und ihr Verhalten ständig zu bewerten. Sicher, Lob und Anerkennung von anderen Menschen tun gut, aber es hat eine divergente Qualität, wenn sie aus mir herauskommen. Bei mir zu bleiben und die Menschen die mir begegnen, so zu lassen, gar anzunehmen, wie sie sind, ist eine unschätzbare Erkenntnis und stellt ‚Konkurrenz‘ in Frage. Weshalb sollte ich konkurrieren? Was ich weiß und welche Fähigkeiten ich erworben habe, sind genau richtig für mich. Mein Umfeld nicht ändern zu wollen, ist entlastend. Schlicht nur da zu sein und den eigenen Weg mutig und offen zu gehen, ist das Geschenk, das ich zu geben im Stande bin. Es liegt nicht an mir, ob dieses Präsent gesehen oder angenommen wird. Aber das ist okay, ich kenne meine Aufgabe und meinen Platz. Nach dem Urlaub mehr denn je und ich glaube daran, dass diese Erkenntnisse große Wirkung im Außen haben.

 

Zuerst kam die Angst

Ein paar Wochen bevor ich nach Schottland flog, um in den Highlands zu wandern, plagten mich Ängste – alt bekannte, dramatische Ängste! Verschleppt zu werden, ausgeliefert zu sein und keinen Ausweg außer den Tod vor Augen.

Bewusst empfand ich diese Angst zuerst vor rund 26 Jahren bei dem ersten Urlaub mit meinem heutigen Ehemann. Wir fuhren damals nach Dänemark. Am Strand des Velje-Fjords trafen wir auf einen älteren Herrn. Er kam mir schmierig und aufdringlich vor und er lud uns aus dem Gespräch heraus ein, uns zum Angeln auf sein Boot mitzunehmen. Bilder von meinem Freund, wie er mit eingeschlagenem Schädel in seinem Blut liegt und ich verkauft werde, drängten sich mir damals auf. Er entschied sich zum Glück gegen das Angebot und ich war nicht gezwungen, ihm von meinen Bedenken, die er womöglich als Spinnerei gewertet hätte, zu erzählen.

2024 wurde ich, vor unserer Expeditionsreise mit einem Schiff um Spitzbergen, wieder mit ähnlichen Szenarien konfrontiert. Selbst nach so vielen Jahren weigerte ich mich standhaft, über meine Ängste zu sprechen. Weiter nichts als kleine Andeutungen wagte ich zu streuen.

Just ein paar Wochen vor der Reise nach Schottland kamen diese Ängste zum dritten Mal zu mir. Es war die Kombination von Bildern und Gefühlen, die mich umtrieben und mir die Sicherheit nahmen.

 

Ein neuer Weg im Umgang mit der Angst

Erst als ich mir endlich ein Herz fasste und mit einer Freundin darüber sprach, geschah etwas, das ich nicht für möglich gehalten habe. Die Gefühle verblassten und die Bilder verloren, quasi über Nachte, ihre Macht. Es kam mir so vor, als hätten sie gewollt, angeschaut und an ihren Platz gestellt zu werden. Vorher verdrängte ich sie tapfer, um ihnen keine Energie zu geben, aber das scheint mir heute nicht mehr der richtige Weg zu sein. Vermutlich wollen die Dinge von mir manchmal neu bewertet werden, damit sie ihre Macht verlieren und evtl. ist es dann erforderlich, darüber zu sprechen. Sie sind nicht boshaft oder beabsichtigen, zu quälen. Vielmehr weisen sie auf eine Schwäche hin und fordern mich auf, sie in Stärke zu verwandeln.

Um frisches Gedankengut in die bevorstehende Wanderreise fließen zu lassen, zog ich eine Karte aus meinem Krafttier Orakel. Zu mir kam der Hahn / die Henne. Dieses Tier steht für „Erneuerung – Eine Inventur der Seele steht an. Sei gut zu dir selbst. Negative Gefühle, Bilder und Gedanken möchten angeschaut und durch positive Gedanken, kraftspendende Bilder und eine freundliche Haltung dir und anderen gegenüber ersetzt werden.“ (Zitat aus ‚Krafttier Orakel‘ von Jeanne Ruland und Murat Karacay, Schirner Verlag)

Passender hätte die Karte, im Nachhinein betrachtet, nicht sein können.

Am Abend vor der Reise war ich zwar aufgeregt, aber von der Angst war nichts mehr wahrzunehmen. Vielmehr zog mit jeder Etappe, der Fahrt zum Flughafen, das Einchecken, warten auf den Abflug, eine innerliche Ruhe ein. Freude gesellte sich dazu, als sich die Maschine im Anflug auf Edinburgh befand. Die Busfahrt zur ersten Unterkunft in Callander, die herzliche Begrüßung durch meine Gastgeberin, das Schlendern durch den Ort und der Besuch eines Pubs, gaben mir Stück für Stück Vertrauen und Selbstsicherheit zurück und schafften Platz für die Freude auf die Wanderung.

 

Begegnungen auf der Wanderung

Gleich zu Beginn traf ich auf einen Mann, der mit seinem Hund unterwegs war und mich auf eine Sehenswürdigkeit aufmerksam machte. Er wartete respektvoll, bis ich eine Infotafel gelesen hatte, bevor er mich ansprach.

Später begegnete mir eine ältere Dame. Sie besuchte, wie ich, den einsamen Felsen am Rande des Berges.

Samson's Putting Stone

Ich folgte zunächst dem mäandernden Weg durch ein Gehölz. Schweiß stand mir auf der Stirn, ich war außer Atem und war nahe daran aufzugeben. In der Vergangenheit kam es öfter vor, dass ich auf Wanderungen kurz vor dem Ziel abbrechen wollte, ungeachtet dessen bestand mein Mann meist darauf, eine Tour zu Ende zu bringen. Er saß nun als „Teufel-Engel“ auf meinen Schultern und ich lief nach einer kleinen Verschnaufpause weiter. Der Anstieg tat weh, ich kam schweißgebadet aber glücklich oben an. Selbstwertschätzung, trotz aufsteigender innerer Widerstände, den Weg bis zum Ende gegangen zu sein, stellte sich ein. Aus einiger Entfernung sah ich den Findling, der als einsamer Felsen in der Hügellandschaft lag und mir die Frage, wie er wohl hierhergekommen war, in den Sinn trieb. 
Die ältere Dame stand bei dem Stein und legte ihre Hände auf ihn. Sie hatte mich noch nicht bemerkt und ich schmunzelte, denn ich hatte ebenfalls vor, ihn zu berühren. Auf die ein oder andere Weise fühlt es sich normaler an, wenn mehrere Personen das Gleiche tun! Ich wartete, bis sie sich von dem Felsen löste und trat dann erst näher. Als wir uns auf dem Weg begegneten, kamen wir kurz ins Gespräch. Sie merkte sofort, dass ich aus Deutschland komme, und wechselte die Sprache. Sie erzählte mir, dass ihr Sohn nach Berlin gezogen sei und sie deshalb Deutsch lerne. Wir unterhielten uns über den Stein und die Landschaft. Ihre Augen strahlten so viel Lebensfreude und Begeisterung aus und wir lachten miteinander über unsere kleinen sprachlichen Barrieren. Es war nur ein kurzer, aber unschätzbar wertvoller, gemeinsamer Augenblick, bevor ich mit dem Findling alleine war. Ich genoss seine Nähe, berührte ihn und bewunderte die herrliche Aussicht auf das dahinterliegende Tal, ehe ich zurück zum Hauptweg abstieg.

Das waren die ersten beiden positiven Bilder von zwei mir fremden Menschen in der weiten Natur Schottlands!

Überhaupt waren alle, denen ich unterwegs begegnet bin, freundlich, hilfsbereit und offen. Sogar im Pub blieb ich nicht ungesehen. Ich hatte den Eindruck, dass die Leute gerne miteinander sprechen und sich für das interessieren, was man selbst zu erzählen hat.

Da war das schottische Paar aus Oban, das übers Wochenende in der Gegend wanderte. Wir überholten uns ein um das andere Mal und auf ihre Bitte hin fotografierte ich sie mit ihrem Hund. Sie waren ebenfalls auf eine unaufdringliche Weise interessiert und erzählten auch etwas von sich.

Auf verschiedenen Abschnitten traf ich ein deutsches Paar und kam mit ihnen ins Gespräch.

Einheimische hielten mit dem Auto extra an, um sich zu erkundigen, ob ich Hilfe bräuchte, weil ich bei strömendem Regen am Wegesrand saß und eine Pause einlegte.

Das amerikanische Paar, das zu dritt mit ihrer Schwester unterwegs war. Wir übernachteten in der gleichen Unterkunft und brachen gemeinsam zur fünften Etappe auf. Die drei waren, so wie es aussah, steile Anstiege gewohnt. Er rannte förmlich die Strecke hinauf, während wir anderen ihm mehr oder minder hinterherhechelten.

Wiederum ein Mann, der mir mit seinem Hund entgegenkam, als ich zum Steinkreis hinaufstieg und außer Atem pausierte. Er fragte mich, ob mit mir alles in Ordnung sei.

Steinkreis

Die Sorge fremder Menschen um mein Wohlbefinden berührte mich und veränderte meine inneren Bilder von Misstrauen und Angst.

Das dänische Paar, das zu späte zum Treffpunkt kam, von unserem Shuttleservice aufgelesen und zur Unterkunft zurückgebracht wurde, schenkte mir Vertrauen in den Service, den ich gebucht hatte.

Am letzten Tag begegnete mir ein älterer Herr mit seinen beiden Hunden. Es hatte vor wenigen Momenten zu regnen aufgehört und er kam mir mitten im Nirgendwo entgegen. Er war rüstig und seine wachen Augen strahlten aus seinem faltigen Gesicht. Seine Ausstrahlung beeindruckte mich. Er fragte, wo ich herkomme, wohin ich gehe und schwärmte von der Landschaft bei Regen, wie unglaublich schön sie doch sei. Und ja, er hatte recht. Die Farben der Bäume, Blumen und des Grases sowie des Flusses leuchten intensiver, wenn sie nass sind. Selbst die Luft riecht reiner und würziger. War mir dies bereits vorher aufgefallen, so sah und empfand ich die Schönheit jetzt eine Spur detaillierter.

Weg nach Pitlochry        Am Wegesrand nach Pitlochry

Er empfahl mir einen kleinen Umweg, mit alten Bäumen am Wegesrand und noch schöneren Wiesen mit den blauvioletten Glockenblumen. Ein geheimnisvoller Weg mit einer besonderen Energie, wie er mir zwinkernd erzählte. Leider bin ich ihn nicht gegangen. Mir machten insbesondere meine Hüftgelenke schwer zu schaffen und es lag ein langer Anstieg vor mir, sodass ich mir den Umweg nicht zutraute.

Im Nachhinein war ich froh, nicht den längeren Weg genommen zu haben, denn der letzte Berg hatte es in sich. Steile Anstiege wechselten sich mit sanfteren ab und letzten Endes machte die Länge der Strecke aus der finalen Etappe die anstrengendste der gesamten Wanderung. Der Aufstieg war schwießtreibend und der Abstieg tat so weh, dass ich kaum noch laufen konnte, als ich in Pitlochry ankam.

Start in Callander        Endpunkt des Rob Roy Way bei Pitlochry

Aber ich hatte es geschafft! Freude, über meine Leistung und die Schmerzen in den Hüftgelenken sowie den Füßen vermischten sich mit der Müdigkeit und dem Glücksgefühl, meine Unterkunft erreicht zu haben. Nichtsdestotrotz ließ ich es mir nicht nehmen, nach einer kurzen Verschnaufpause und einer schönen waremen Dusche, den Abschluß in einem Pub zu genießen.  

Slàinte mhath

 

Den eigenen Takt zu findet, schenkt tiefgreifende Veränderung

All die Begegnungen und Erlebnisse trugen dazu bei, meine vorher gehegten Ängste und Bilder durch positive Gedanken und Eindrücke zu ersetzen. Tief in mir hat sich Schritt für Schritt etwas verändert, wurde weicher und milder. Eine bis dahin mir unbekannte Selbstsicherheit und ein neues Selbstbewusstsein wurden durch den Gleichklang der Schritte während der 6-tägigen Wanderung in mir geboren. Ich bin an meine körperlichen und geistigen Grenzen gegangen, habe sie ausgelotet und neu gesteckt, ohne mich zu überfordern, habe Frieden und Gleichgewicht gefunden. Ich ruhe in mir. Diese positiven Erfahrungen haben mich nachhaltig geprägt und ich hoffe, dass es mir möglich ist, die neu gewonnene Gelassenheit im Alltag zu bewahren.

Für all das und dafür, meinen eigenen Takt entdeckt zu haben, bin ich dankbar und es freut mich, dieses Erlebnis mit dir zu teilen.                       

Kennst du solche alles verändernden Reisen?             Ein Lächeln am Wegesrand        

PS.: Ich war nicht alleine auf dieser Wanderreise. Vielleicht ist mein nächster Schritt, alleine auf Wanderschaft zu gehen – wer weiß das schon…

Kategorien: Reisen | Schlagworte: Inspiration, Persönliches, Reise, Wandern in Schottland

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